Werner Fleischer: Könnten Sie unseren Lesern etwas über Ihre Person verraten?

FR: Ich bin Jahrgang 1958 und in einem Dorf im nördlichen Niedersachsen aufgewachsen, mit allem, was dazugehört. So ab einem Alter von vierzehn etwa gehörte dazu vor allem, daß ich Musik hörte, soviel und wann immer es ging. Popmusik, heißt das. Als Punk und Disco kamen, stieg ich allerdings aus und hörte zehn oder fünfzehn Jahre lang fast nur noch Folk, Jazz und alles, was weit weg vom Mainstream war. In dieser Zeit studierte ich (Schwerpunkt: Literatur), begann auf allen möglichen Feldern zu schreiben und zu übersetzen, arbeitete hauptsächlich als Literaturkritiker und literarischer Übersetzer, gelegentlich auch als Reiseschriftsteller (Schwerpunkt: Irland), dann als Biograph (über James Joyce und Samuel Beckett), und durchgängig betrieb und betreibe ich als eine Art Privatgelehrter Studien zu Arno Schmidt, einem als schwierig geltenden, aber sehr lesenswerten Schriftsteller, der in seinem Monsterroman "Zettel's Traum" Ende der 60er Jahre übrigens auch die Beatles erwähnt – und als "Krampfhennen" verunglimpft.

Werner Fleischer: In welchem Verhältnis stehen Sie zu den Beatles, wie haben sie die Gruppen kennengelernt und welchen Stellenwert räumen sie Ihnen ein?

FR: Als ich mich für Popmusik zu interessieren begann, gab es die Beatles als Gruppe schon nicht mehr, aber es gab (auch in meiner Umgebung) noch viele Leute, die die Beatles hörten und ihre Platten hatten. Im Herbst 1973 kaufte ich mir, nachdem ich zuvor nur mit dem Tonbandgerät aus dem Radio allerlei Schätze aufgenommen hatte, meine erste Schallplatte, das "Blaue Album" der Beatles, ich besitze es noch; mein nächster Kauf war "Sladest" von Slade, aber dann wieder wünschte ich mir "Sgt. Pepper" zum Geburtstag und bekam es auch, fortan waren Slade dann für mich ziemlich passé. Zum Herbst 1973 fällt mir ein – da fand hier vor den Toren meines Dorfes ein Festival statt, der Name Scheeßel ist vielleicht nicht ganz unbekannt, viele meiner Freunde liefen deshalb von den Beatles über zu dem, was sie auf dem Festival hören konnten, Wishbone Ash vor allem, aber ich blieb bei den Beatles und kaufte mir nach und nach alle Platten von ihnen, auch einen Teil der Solo-Alben, erst Ende der Siebziger ging ich ganz zu anderen Dingen über, wie schon erwähnt. Die Platten staubten dann lange ziemlich ein; erst mit dem Erscheinen der "Anthology"-CDs wurde mein Interesse wieder geweckt, ich kaufte sie mir und war sofort wieder entflammt. Der Trick für mich war, daß das hier echte alte Beatles-Aufnahmen waren, absolut frisch, die aber, weil es alternative Takes und Demos waren, immer ein klein wenig anders klangen als die schon tausendmal gehörten, dadurch hatte ich das Gefühl, wieder ganz nah an etwas dran zu sein, es nicht mit abgenudelten musealen Geschichten zu tun zu haben. Über diese neuerliche Beschäftigung mit den Beatles kam ich auch wieder dahin, sie mindestens so hochzuschätzen wie in der Phase meiner anfänglichen Begeisterung. Eine solche Entwicklung, wie sie die Beatles in wenigen Jahren genommen haben, scheint mir ganz einmalig. Seinerzeit in den frühen und mittleren Siebzigern waren die Beatles weithin verpönt, das Argument lautete, sie hätten nie wirkliches Neuland betreten, und es stimmt natürlich, daß die frühen Pink Floyd oder Yes oder meinetwegen sogar die frühen Deep Purple irgendwie avantgardistischer klangen als die Beatles, von Dauerimprovisateuren wie Caravan oder Soft Machine mal ganz zu schweigen. Komisch ist nur, wenn man sich heute diese ganzen Sachen anhört, klingen die ‚progressiveren’ Bands alle sehr viel zeitverhafteter als die Beatles, vielleicht sogar antiquiert. (Natürlich gibt’s auch Ausnahmen, aber das ist die Tendenz.) Und wenn man die Beatles mit den Bands vergleicht, die als ihre Zeitgenossen zeitweise das Zeug dazu hatten, halbwegs mit ihnen mitzuhalten, also vielleicht 1964/65 The Byrds oder 1969/70 The Move, dann muß man eben sagen, das schafften diese Bands immer nur ein, zwei Jahre, dann erstarrten sie oder brachen auseinander. Niemand hat in den 60er Jahren so lange auf solchem Niveau Musik produziert wie die Beatles. Und wenn man dann von heute aus und im Vergleich (teilweise auch mit ihren Zeitgenossen, vor allem in Amerika) sieht, mit welch simplem technischen Equipment die Beatles ihre Sachen hinbekommen haben, dann kann mein einfach nur den Hut ziehen.

Werner Fleischer: Was war Ihre Motivation sich so ausführlich mit den Get Back Sessions zu befassen?

FR: Auf der Suche nach frischen Beatles-Hörerlebnissen im Sinne der "Anthology"-Edition begann ich vor einigen Jahren damit, Beatles-Bootlegs zu sammeln, und dabei geriet ich naturgemäß ziemlich bald auch an die Get-Back-Sessions. Und ich bin nun mal von meiner Mentalität her jemand, der etwas entweder gar nicht macht oder ganz und gar, je mehr ich mich mit etwas beschäftigte und je weiter ich eindringe, desto interessanter wird es für mich, das Interesse erlahmt nicht wie bei manchen Leuten, die lieber von allem nur ein bißchen haben wollen und dann was anderes suchen. Insofern war ich eigentlich prädestiniert für diese Get-Back-Bänder. Und wo ich sie nun einmal kannte, mir dazu auch die Bücher von Doug Sulpy besorgt hatte, ärgerte ich mich, daß anderswo in der Beatles-Literatur immer so ungenau und schlichtweg falsch über die Sessions geschrieben wurde, drum kam ich auf die Idee, diese doch höchst spannende Geschichte einmal richtig und intensiv aufzuarbeiten. Jeder ernsthafte Beatles-Interessent sollte wissen, was damals bei den Sessions wirklich passiert ist, aber nicht jeder ernsthafte Beatles-Interessent hat die Möglichkeit oder das Durchhaltevermögen, sich die Bänder selbst komplett zu Gemüte zu führen, einmal abgesehen davon, daß man viele Feinheiten insbesondere der zwischenmenschlichen Ebene und der Diskussionen beim einmaligen Abhören überhaupt nicht mitkriegen kann; drum kam ich also auf die Idee, für alle Interessenten eine Art Protokoll zu erstellen, dessen Lektüre nicht soviel Masochismus erfordert wie das intensive Abhören der Bänder, aber doch recht genau vermittelt, was damals im einzelnen passierte.

Werner Fleischer: Haben Sie alle bekannten Get Back Bänder durchgehört und wie war Ihr Eindruck nach dem Hörerlebnis?

FR: Ja, ich hab alles durchgehört, was ja nicht eben einfach ist, schon allein aufgrund der riesigen Masse an Material. Ich erwähnte vorhin Arno Schmidts Großroman „Zettel’s Traum“, auf den habe ich seinerzeit mehrere hundert Stunden Lesezeit verwandt, obwohl ich ein schneller Leser bin, aber zweihundert Stunden zu lesen, verteilt auf mehrere Monate, das kann man vielleicht noch eher hinkriegen als zweihundert Stunden Sessionbänder zu hören, es sei denn, man läßt sie im Hintergrund laufen, während man was anderes macht. So habe ich’s beim ersten Durchgang gehalten, also die Bänder laufen lassen, während ich mich mit anderem beschäftigte, und nur hier und da, wenn mir Passagen besonders interessant zu sein schienen, die entsprechenden Bandnummern rasch notiert, um sie mir dann später genauer anzuhören. Selbst endlose Sessions von "Maxwell's Silver Hammer" hab ich bewältigt, ohne etwas zu überspringen, das ist schon ein ziemlicher Härtetest. Kaum etwas mitbekommen habe ich bei diesem ersten Durchhören von den Diskussionen zwischendurch, da muß man natürlich genauer hinhören. Damit habe ich mich erst später befaßt. Bei der Arbeit am Buch dann habe ich das komplette Material natürlich nochmals durchgehört, und diesmal mit äußerster Aufmerksamkeit; um mein Tagebuch oder Protokoll ordentlich hinzubekommen, mußte ich insbesondere die Gesprächspassagen auch mehrfach hören, und dann natürlich das Band immer wieder anhalten, um alles irgend Wichtige zu notieren. Und „Gesamteindruck“? Der umfassendste ist vielleicht der, daß die Beatles eben Menschen waren wie Sie und ich und sich entsprechend sehr menschlich benahmen. Mein Freund Bobby Meyer, ein alter Beatles-Fan und Leiter einer Tanzcombo, dem ich immer die ersten Fassungen meiner Tageskapitel vorlegte, brachte das ganz schön auf den Punkt. Bei den Proben der Beatles, meinte er, sei es ja ganz genauso zugegangen wie bei seinen eigenen, die größte Schwierigkeit liege darin, immer alle Interessen unter einen Hut zu bringen. Aber genau das funktionierte nicht, die Beatles hatten zu diesem Zeitpunkt halt sehr unterschiedliche Interessen; nur Paul McCartney wollte das Projekt wirklich durchziehen, die übrigen waren desinteressiert bis ablehnend, und das hört man fast durchgängig. Andererseits hört man aber auch durchgängig, wie vertraut die vier Beatles miteinander waren, nicht zuletzt musikalisch, sie konnten, wenn sie wollten, wie im Schlaf punktgenau aufeinander reagieren. Wenn einer nur eine Note zupfte oder einen Akkord anschlug, wußten die anderen sofort, wie sie zu reagieren hatten, das finde ich ganz unglaublich.

Werner Fleischer: Welche großen Überraschungen ergaben sich für sie aus den Bändern.

FR: Die größte Überraschung, zumindest in musikalischer Hinsicht, war für mich eigentlich, welch schlichte musikalische Handwerker die Beatles waren. Ich sagte eben, sie wußten innerhalb von Sekundenbruchteilen, wie sie auf das, was die anderen machten, zu reagieren hatten – aber sie konnten das trotzdem oft nicht, in rein technischer Hinsicht. Über weite Strecken stümpern sie auf ihren Instrumenten herum wie eine nicht sonderlich inspirierte Schülerband. Das hat mich zunächst sehr verblüfft, von der bedeutendsten Band der Popgeschichte erwartet man das nicht unbedingt, aber man muß sich eben bewußtmachen, daß das Genie der Beatles nicht unbedingt in instrumentalem Virtuosentum lag. Insbesondere John Lennon bringt tagelang auf seiner Gitarre überhaupt nichts zustande, was präsentabel ist, von seinen Versuchen am Baß ganz zu schweigen. Aber es gibt noch eine zweite große Überraschung, die trotz allem verhindert, daß das Unternehmen ein Fiasko wird. Wenn die Beatles eine gute Idee und einen guten Moment haben und wissen, was sie wollen, brauchen sie nämlich gar keine virtuosen instrumentalen Fähigkeiten, ihre besten Momente kriegen sie mit unglaublich einfachen Mitteln hin. Wenn Paul und John gut drauf sind und im Duett singen und ihre Gitarren gut gestimmt sind, dann sind sofort Beatles-Qualitäten da, die ihnen keine andere Band nachmacht. Gut, wenn sie ordentliche Studioarbeit mit Overdubs und allen Schikanen hätten investieren können oder wollen, dann wäre alles noch weiter zu verfeinern gewesen, und vor allem George Harrison wünscht bei den Proben ständig, man könne endlich wieder so verfahren – aber es gibt auch Songs, vor allem „Two Of Us“, bei denen die programmatische Schlichtheit wunderbare Ergebnisse zeitigt. Das sind dann sozusagen The Beatles unplugged.

Werner Fleischer: Muß Paul McCartney Rolle, der bisher immer für das kurzzeitige Ausscheiden von George Harrison verantwortlich gemacht wird insgesamt neu gewertet werden?

FR: Ganz eindeutig. Hier ist gar kein Raum für Deutungen oder Interpretationen, die Faktenlage ist klar. Auslöser für Harrisons Ausstieg am 10. Januar 1969 war ein Streit mit John Lennon. Alle anderen Behauptungen sind schlichtweg falsch. Das heißt allerdings nicht, daß Harrison vor dem Streit mit John glücklich und zufrieden gewesen wäre, ganz im Gegenteil, ihm paßte weder der Live-Ansatz noch das Konzertvorhaben noch die ständige Anwesenheit des Filmteams, und ihm paßte es auch nicht, wenn irgendwer ihm sagte, was oder wie er spielen sollte. Es gibt diese aus dem Film „Let It Be“ bekannte Szene, in der Harrison deswegen mit McCartney böse aneinandergerät, man sieht direkt, wie sich beide sehr zusammenreißen müssen, um nicht zu explodieren, und vielleicht sind sie nur nicht explodiert, weil Kameras und Mikros auf sie gerichtet waren – aber diese Auseinandersetzung war nicht der Anlaß für Harrisons Ausstieg, höchstens Mitauslöser dafür, daß Harrison in einem Zustand war, in dem ihm kaum etwas paßte. Wenn man die Gruppendynamik insbesondere in Twickenham – also bei der ersten Hälfte der Sessions – genau unter die Lupe nimmt, merkt man, daß Paul McCartney fast alles dafür tut, George Harrison als vollwertigen Partner ernstzunehmen; tatsächlich ist Harrison in dieser Phase McCartneys einziger richtiger Ansprechpartner, weil Lennon wie weggetreten ist. Die Freundlichkeiten verfangen zwar nicht richtig, weil Harrison, wenn er schlecht drauf ist, auf jedes Entgegenkommen mit immer noch ätzenderen Bemerkungen reagiert, aber ich sag’s noch einmal: Auslöser für seinen Ausstieg ist ganz unmittelbar der Streit mit John Lennon.

Werner Fleischer: Ist mein Eindruck richtig, dass Ringo Starr von allen vier Beatles während der Get Back Sessions der zuverlässigste und pflichtbewußteste Beatle war, richtig?

F.R: Das ist richtig. Er tut niemandem was, er streitet sich mit niemandem, er sagt niemandem ein böses Wort, und er macht alles, was er machen soll. Das hängt natürlich auch mit seiner Rolle in der Band zusammen, er ist eben „nur“ der Drummer, er hat keinerlei Ambitionen, eigene Interessen durchzusetzen oder irgendwem zu sagen, was er tun oder lassen soll. Ringo Starr macht alles mit, oder fast alles, eine Ausnahme gibt es, er erklärt kategorisch, er werde für das angestrebte Konzert keinesfalls ins Ausland gehen, und diese Weigerung wird vom McCartney von Anfang an akzeptiert und auch anderen gegenüber vertreten. Also – mag die ganze Welt voller Problemfälle sein, Ringo ist keiner.

Werner Fleischer: Welchen Stellenwert nimmt während den Aufnahmen für Sie Yoko Ono ein, wirkt sie mehr wie ein Anhängsel Lennons oder dominiert sie ihn nicht sogar zeitweise?

FR: John Lennon und Yoko Ono erheben zum Programm, daß es keine Differenz zwischen ihnen gibt, was der eine sagt, tut oder läßt, gilt automatisch auch für den anderen, darüber müssen sie sich nicht einmal verbal verständigen. Wenn man dieses Programm ernstnimmt, ist Yoko weder Anhängsel noch Dominierende, sie ist einfach Teil von ihm und er von ihr. Deswegen sitzt sie auch fast immer ganz nah an seiner Seite. Als McCartney das Duett „Two Of Us“ mit Lennon im Stehen singen will, macht der das nur ein einziges Mal mit, dann setzt er sich schnell wieder zu Yoko. Das ist aber ein vergleichsweise unwichtiges Problem, an die Daueranwesenheit von Lennons siamesischem Zwilling haben sich die anderen Beatles weitgehend gewöhnt und können damit umgehen, McCartney verteidigt die Zweisamkeit von John & Yoko sogar recht vehement. Problematisch wird es nur dann, wenn wichtige Diskussionen anstehen und Yoko spricht, während John schweigt. Was Yoko sagt, gilt so, als habe es John gesagt, soweit ist das Prinzip simpel und nachvollziehbar, aber McCartney kann Yoko Ono natürlich nicht in gleicher Weise widersprechen, wie er seinem alten Kumpel Lennon widersprechen könnte. Das merkt man den Diskussionen auch an, McCartney geht superfreundlich und verständnisvoll auf alles ein, was von Yoko Ono kommt, aber es ist nun mal so, daß mit gegenseitigen Nettigkeiten keine schwierigen Diskussionen zu einem konstruktiven Ergebnis kommen können. Hier sitzt insbesondere Paul McCartney ziemlich in der Falle. Die einzige richtig gute Diskussion mit Lennon einmal am Mittagstisch kurz nach Harrisons Ausstieg kommt überhaupt nur zustande, weil Yoko von Pauls Freundin Linda in ein eigenes Gespräch verwickelt wird.

Werner Fleischer: Das Klima innerhalb der Gruppe wurde nach dem Wechsel in die Apple Studios besser. Was ist für sie der Hauptgrund für die Klimaverbesserung?

FR: Es gibt mehrere Gründe. Alle Beatles fühlen sich hier viel wohler, John Lennon und George Harrison fangen geradezu zu schwärmen an, wie toll es hier sei, und eine Wohlfühlatmosphäre bessert natürlich die Stimmung. Aber die Entscheidungen, die Harrison mit seinem Ausstieg erzwungen haben, helfen mindestens ebensosehr. Zur Bedingung für seinen Wiedereinstieg hat er gemacht, daß die unausgegorenen Pläne mit der Live-Show und dem TV-Event eingemottet werden und statt dessen konzentriert an einer neuen Platte gearbeitet wird. Jetzt wird nicht mehr mit unklarem Ziel für ein von niemandem außer McCartney geliebtes Projekt geprobt, jetzt wird an Schallplattenaufnahmen gefeilt, und Tag für Tag gibt es Erfolgserlebnisse. Außerdem scheint Harrison Lennon zu verstehen gegeben zu haben, daß er als Mitglied der Band präsent zu sein hat und nicht einfach tagelang im Dämmerschlaf oder der Zweisamkeit mit Yoko versinken darf. Jedenfalls ist Lennon jetzt nicht mehr wie in Twickenham ein Totalausfall, sondern arbeitet konstruktiv mit, ist sogar meist gutgelaunt und läßt sich, wenn es etwas zu bereden gibt, nicht mehr von Yoko vertreten.

Werner Fleischer: Wie verhielt sich Billy Preston während den Sessions?

FR: Billy Preston spielt eine ähnliche Rolle wie Ringo Starr – immer fröhlich, immer zu Diensten, nie widerborstig, nie mit Eigeninteressen beschäftigt. Und dann ist er natürlich auch noch ein phantastischer Musiker, die Beatles spielen die Songs, an denen sie zum Teil seit Wochen rummurksen, und praktisch vom ersten Takt an weiß Billy Preston, was er wie zu spielen hat, und spielt es perfekt. Als fünfter Musiker entschärft er gleichzeitig die Zwangslage, in die die Beatles sich mit der Regel gebracht haben, alles live ohne Overdubs zu spielen, jetzt muß niemand mehr an einer Orgel oder einem Piano herumstümpern und dafür das eigene Instrument aufgeben.

Werner Fleischer: Wie schätzen Sie die Versuche von Glyne Jones aus den Bändern eine Platte zu produzieren? Wäre eine dieser Versionen 1969 einer Veröffentlichung wert gewesen?

FR: Glyn Johns setzt getreulich genau das um, was das erklärte Ziel der Sessions war, er schneidet die Tracks live im Studio mit und mischt sie so ab, daß dieser kollektive Live-Charakter voll zum Tragen kommt. Er läßt Gesprächsfetzen, witzige Sprüche, abgewürgte Intros und kleine Spielfehler stehen und produziert die Platte so, daß sie klingt wie eine spontane, mit viel Lust und Laune hingelegte 45-Minuten-Session. Wenn es das Ziel der Beatles war, mit jeder neuen Platte etwas ganz anderes zu machen als auf der vorherigen, also äußerste Überraschung, dann wäre „Get Back“ in der Produktion von Glyn Johns wirklich optimal gewesen, so etwas hatten die Beatles ja noch nie gemacht. Ob die Fans das mitgemacht hätten, ist eine andere Frage, sie waren von den Beatles ja doch einen anderen Standard gewohnt und hatten zwar sicherlich nichts gegen ein bißchen Abwechslung, hätten aber vermutlich entsetzt reagiert beim Versuch, die bisherigen Qualitätskriterien geradezu auf den Kopf zu stellen. Aber wenn ich mir vorstelle, im späten Frühjahr oder im Frühsommer 1969 wäre „Get Back“ in der Version von Glyn Johns rausgekommen, möglichst ohne pomöses Getue, ganz bescheiden, und dann drei Monate später „Abbey Road“ als Beweis dafür, daß die Beatles, wenn sie wollten, nach wie vor perfekte Meisterwerke schaffen konnten, dann wäre das doch für die Fans ein schönes Beatles-Jahr 1969 gewesen.

Werner Fleischer:: Wie sehen Sie die Rolle von Phil Spector bei der Nachbereitung der Aufnahmen und der Produktion des Albums „Let It Be“?

FR: Ich persönlich mochte die LP „Let It Be“ nie besonders, aber was ich darauf mochte, das waren komischerweise am ehesten die von Spector stark nachbearbeiteten Sachen, insofern muß ich der Arbeit von Spector auch eine gewisse Qualität zubilligen. Lennon sagte ja, Spector habe aus Müll verkäufliche Ware gemacht, aber vielleicht sagte er das auch nur, um McCartney zu ärgern, der über Spectors Arbeit entsetzt war. Klar ist jedenfalls, daß Phil Spector das ‚Produkt’ vollkommen verändert und umgewertet hat, mit Billigung von drei Beatles, aber gegen den erklärten Willen von Paul McCartney. Das Verrückte ist, daß ein Projekt, das ursprünglich ein McCartney-Projekt war und von den anderen nicht wirklich unterstützt wurde, am Ende von den anderen in das Gegenteil dessen verwandelt wurde, was McCartney gewollt hatte. Das ist ein bißchen hinterlistig. Spector hat nur ausgeführt, was insbesondere Lennon und Harrison ihm aufgetragen haben, und im verlangten Sinne hat er das gut gemacht. Die reißerische Anpreisung des zweifelhaften Produkts und die bombastische Verpackung der Erstpressung waren absolut unangemessen und sind wohl Allen Klein zuzuschreiben, der McCartneys Rolle als oberster Entscheidungsträger der Beatles übernommen hatte, McCartney war in dieser Phase komplett aus dem Spiel. Das Wirken von Allen Klein und Phil Spector hat meiner Einschätzung nach den Beatles den Todesstoß versetzt, wobei allerdings nicht vergessen werden sollte, daß Klein und Spector keinen bösartigen Angriff vom Mars auf die Beatles gestartet haben, sondern nur die Rollen übernahmen, die ihnen zugewiesen wurden – von dreien der Beatles.

Werner Fleischer: Scheiterte der geplante Liveauftritt wirklich letztendlich an John und welche Rolle spielten Ringo und George?

FR: Der größte Gegner der Live-Pläne war George Harrison. Ringo war auch nicht gerade freudig erregt, aber er hätte fast alles mitgemacht, solange man dafür nicht ins Ausland gehen mußte. Lennons Einstellung ist uneinheitlich, zeitweilig scheint er gegen das Live-Vorhaben zu sein, jedenfalls unterstützt er Paul McCartney nicht gerade in seinen Bemühungen, aber immer dann, wenn aberwitzige und größenwahnsinnige Ideen ins Spiel gebracht wurden (meistens übrigens vom Regisseur Lindsay-Hogg, der immer auf spektakuläre Bilder hoffte), war Lennon Feuer und Flamme. Ein schlichter Konzertauftritt an einer der gängigen Londoner Spielstätten reizte Lennon offenbar kaum, aber die erwogenen Konzerte an Bord eines gecharterten Ozeandampfers oder in der nordafrikanischen Wüste hätte er liebend gern mitgemacht, dafür entwickelte er eine abgefahrene Idee nach der anderen, selbst an Tagen, an denen er sonst komatös vor sich hindämmerte. An Lennon ist der Auftritt also nicht gescheitert, eher schon an Harrison, letzten Endes aber wohl hauptsächlich an ihrer Uneinigkeit in allen möglichen Fragen, am organisatorischen Chaos und am Mangel an hinreichender Proben- und Vorbereitungszeit. Endgültig begraben wurde das Vorhaben, als Harrison den Verzicht aufs Konzert zur Bedingung machte, um wieder einzusteigen; zuvor hatte er immerhin gelegentlich durchblicken lassen, daß er sich vielleicht für einen bescheidenen Auftritt in einem kleinen Club oder einer Nachtbar hätte erwärmen können – aber auch das war keine durchgängige Haltung, denn für George Harrison war allein schon die Aussicht, mit Publikum in direkten Kontakt zu kommen, eine Horrorvorstellung.

Werner Fleischer: Ist mein Eindruck nach Lesen Ihres Buches falsch, dass die Beatles im Januar 1969 eine frühe Form der Fernsehsendung „Big Brother“ mitmachten und sich gar nicht bewußt waren, welchen Faktoren sie dabei unterlagen?

FR: Das kann man so sagen, nur mit dem Unterschied, daß sie natürlich selbst bestimmten, was im Film blieb und was rausgeschnitten wurde. Einmal morgens, als sonst noch niemand da ist, fragt Ringo den Regisseur, ob denn schon genug interessantes Material gefilmt worden sei; Lindsay-Hogg antwortet, das komme drauf an, was man verwenden dürfe. Ringo meint lachend, sie sollten einfach alles verwenden, was sie wollten, aber selbst er, der sich noch am wenigsten danebenbenimmt, weiß natürlich, daß das ganz unmöglich ist. Aber es stimmt, Paul McCartney, der sich das mit dem Filmen der Proben ausgedacht hatte, war sich wohl nicht bewußt gewesen, welche Anspannung die dauernde Anwesenheit des Filmteams auslösen mußte. Dabei war sein ursprüngliches Ziel ja gerade, mit diesem Unternehmen zu den unbeschwerten gemeinsamen Anfängen zurückzukehren; man stelle sich mal vor, man wolle eine alte Liebesbeziehung erneuern und nehme dazu ein Filmteam mit!

Werner Fleischer: Seit spätestens 1995 warten die Fans auf eine DVD-Veröffentlichung des Films „Let It Be“! Woran liegt es Ihrer Meinung das sich die überlebenden Beatles und die Rechtenachfolger von John und George so schwer tun mit einer offiziellen Veröffentlichung des Films?

FR: Ich glaube, Paul McCartney hat zur Begründung gesagt, niemand wolle sehen, wie die Beatles sich nur streiten und nichts zustande kriegen, das sei doch ein Trauerspiel. Aber ganz so ist der Film ja gar nicht, die angespannten Szenen halten sich in Grenzen, vielleicht haben die Beteiligten sich nicht die Mühe gemacht, ihn sich vorurteilslos nochmals anzuschauen. Die Szene, in der Harrison und er selbst ihren Zorn aufeinander nur mühsam unterdrücken können, mag McCartney unerträglich sein, wer weiß? Aber der Film gehört nun mal zur Beatles-Geschichte, er sollte deswegen auch verfügbar sein. Noch schöner wär’s natürlich, es könnte eine erweiterte Fassung geben, mit den vielen noch existierenden Szenen, in denen es gar nicht trübsinnig zugeht. Es gibt da zum Beispiel eine, in der George Harrison saufröhlich und unbeschwert im Kontrollraum sitzt, sich mit den anderen ihre zuvor eingespielten Takes anhört, vollkommen zufrieden ist und mit der Kamera, die sich auf ihn richtet, scherzt. Alleine um diese Szene dem verbreiteten Bild vom mißmutigen Mystiker und Trauerkloß entgegenhalten zu können, würde sich der Aufwand einer restaurierten und erweiterten Fassung schon lohnen.

Werner Fleischer: Welche Bänder der Get Back Sessions - die bei der EMI lagern oder die uns auf Bootlegs vorliegen? Falls es sich um Bootlegs handelt, welche waren es und ie ist ggf. Ihr Eindruck von der Qualität und der Authensität der Bänder. Wurden hier von Seiten dritter eventuell Bearbeitungen oder Fakes vorgenommen?

FR: Die originalen EMI-Bänder waren mir nicht zugänglich, ich arbeitete mit den verschiedenen Bootlegs der Nagra-Bänder, die ich im Quellenverzeichnis am Ende meines Buches aufführe, vor allem mit "A/B Road". Diese Aufnahmen halte ich für absolut authentisch. Zweifelhafte Zusammenstellungen habe ich außer Acht gelassen. Es gibt deswegen einige wenige kleinere Lücken, die nicht zu schließen sind, auch nicht durch Bootlegs mit Titeln wie "Lost Tapes" o.ä., auf denen entweder nur anderweitig bekanntes Material geboten wird oder weitgehend unbrauchbare Schnipsel versammelt sind, deren Authentizität man mit Fragezeichen versehen muß. Alle diese Bänder waren als Tonspuren der Kameras gedacht, sie bieten also keine audiophile Qualität, aber darum ging es mir ja auch nicht, ich wollte keinen musikalischen Hochgenuß, sondern ich wollte recherchieren, was damals abgelaufen ist, und dafür sind diese unverarbeiteten, in jeder Hinsicht rohen Bänder bestens geeignet. Daß es über weite Strecken recht mühsam ist, die Gespräche genau mitverfolgen zu wollen, steht auf einem anderen Blatt, aber ich hoffe, indem ich mich dieser Mühe unterzog, kann ich den Lesern meines Buches diese Mühe nun ersparen. Für das Schlußkapitel meines Buches, in dem ich das weitere Schicksal der Beatles und der im Januar 1969 mitgeschnittenen Bänder schildere, habe ich natürlich auch die verschiedenen nachproduzierten "Get-Back"-Fassungen genau geprüft, die über Acetatpressungen und Radioausstrahlungen in Umlauf kamen, dies ist der Punkt, wo dann auch aufnahmetechnische Qualität ins Spiel kommt, aber das ist dann ein anderes Thema. Übrigens gibt es inzwischen ja auch Versuche, die nur mit den Nagra-Bändern mitgeschnittenen Aufnahmen, die bisher qualitativ nicht zur Veröffentlichung taugten, mit modernster Technik so nachzubearbeiten, daß sie ein audiophiles Niveau bekommen, im Quellenverzeichnis nenne ich die eine oder andere Website, auf der man solche liebhaberischenTüfteleien mitverfolgen kann. Wenn die EMI mit dem Segen der überlebenden Beatles solche Dinge offiziell betreiben würde, könnten vielleicht irgendwann auch Sachen dabei herauskommen, die als musikalisches Produkt interessant sind, aber das ist ein anderes Thema als jenes, um das es mir ging; mir ging es um die Geschichte dessen, was im Januar 1969 passierte, nicht um das Heben musikalischer Schätze.

Werner Fleischer: Werden wir in nächster Zeit eine weitere Arbeit über die Beatles zu lesen bekommen?

FR: Von mir, meinen Sie? Lassen Sie erst einmal dieses Buch seine Leser finden. Und was dann als nächstes Projekt ansteht, ist noch völlig ungewiß. Mir ist auch schon geraten worden, als nächstes Stasi-Bänder zu transkribieren, das müsse doch im Vergleich zum Get-Back-Projekt eine leichte Übung sein – aber musikalisch, fürchte ich, wäre das doch unergiebig.